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Versorgungssicherheit

Foto: Merlin Nadj-Torma

Wenn das Gas fehlt

Was bedeutet ein mögliches Gasembargo für Unternehmen? Und welche Folgen hätte das für die Industrie und die Arbeitsplätze? Und für unser Leben? kompakt hat bei einigen Betrieben nachgefragt, wie sie mit der Situation umgehen und sich vorbereiten.

Der völkerrechtswidrige Krieg Russlands gegen die Ukraine stellt unsere Wirtschaft vor große Herausforderungen. Um Putins Angriff zu stoppen, haben die westlichen Staaten harte Sanktionen gegen Russland verhängt. Zugleich wurden und werden von der Bundesregierung Maßnahmen ergriffen, um die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen zeitnah zu beenden. Auch ein mögliches Embargo für russisches Gas wird diskutiert.

Schon jetzt leiden viele energieintensive Branchen, wie etwa die Chemie, die Glas-, Keramik- oder Zementindustrie unter den extrem hohen Energiepreisen. Ein sofortiges Gasembargo würde den Industriestandort Deutschland massiv gefährden. Der wirtschaftliche Schaden wäre enorm, die Langfristfolgen auch in der Versorgung schwer. Darauf haben IGBCE, IG Metall und IG BAU in einem gemeinsamen Positionspapier Anfang April hingewiesen. IGBCE-Chef Michael Vassiliadis warnte, dass hunderttausende Jobs in energieintensiven Branchen gefährdet sein könnten. »Ein mögliches Gasembargo würde die energieintensive Industrie – die Mutter des industriellen Netzwerkes – hart treffen«, sagte er. »Die Folgen wären nicht nur Kurzarbeit und Jobverluste, sondern der schnelle Zusammenbruch der industriellen Produktionsketten in Europa – mit weltweiten Folgen.«

Ohne Gas kein Glas

Beispiel Glasindustrie: Sie ist jetzt schon in besonderem Maße von den stark gestiegenen Energiepreisen direkt betroffen. Enorme Kostensteigerungen für Energie gab es bereits vor dem Ukraine-Krieg, berichtet der Betriebsratsvorsitzende von Heinz-Glas im thüringischen Piesau, Mike Streit. Nach dem Einmarsch in die Ukraine seien sie im Jahresvergleich noch einmal teilweise um das zehnfache höher. Auch das Problem der Lieferkette sei bei dem Hersteller von Glas-Flakons und Tiegeln für die Parfüm- und Kosmetikindustrie schon jetzt hochaktuell. Die zum Schmelzen von Glas benötigten Rohstoffe – zum Beispiel Soda – oder Verpackungsmaterialien seien knapp und teuer geworden. »Derzeit wird es immer schwieriger, die Lieferketten aufrechtzuerhalten«, sagt Streit. Ein Gasembargo würde die Situation weiter verschärfen und könnte die Lieferketten auf nationaler und globaler Ebene zum Erliegen bringen.

Außerdem würden durch ein Embargo in der Glasindustrie Anlagen im Wert von vielen Millionen Euro zerstört. Bei Schmelzwannen, die Temperaturen von bis zu 1600 Grad Celsius erreichen, sei ein plötzliches Abschalten oder gar ein Stillstand der Wannen nicht ohne weiteres möglich. »Unsere Schmelzwannen müssen rund um die Uhr laufen. Wird die Energieversorgung abrupt gestoppt, gefriert das Glas im Ofen. Die Anlage muss dann bergmännisch abgebaut werden. Eine weitere Nutzung wäre nicht mehr möglich«, erklärt der Betriebsratsvorsitzende. »Ohne Gas kann der Betrieb unserer Glasproduktionsstandorte nicht fortgeführt werden, was höchstwahrscheinlich auch Auswirkungen auf die Beschäftigung hätte.“ Streits Einschätzung nach wären in der gesamten Heinz-Glas-Gruppe in Deutschland rund 1500 Arbeitsplätze unmittelbar in Gefahr.

Aktuell prüft das Unternehmen alle möglichen Alternativen – von einer Reduzierung des Verbrauchs bis hin zu einer Umstellung der Produktion von gasbetriebenen zu elektrisch betriebenen Schmelzwannen. »Für den Standort Piesau wurde bereits entschieden, im kommenden Jahr auf eine oder zwei elektrisch betriebene Schmelzwannen umzusteigen«, so Streit.

Den Keramikproduzenten Villeroy & Boch würde ein sofortiges Gasembargo ebenfalls hart treffen. So sind nach Angaben des Unternehmens »die keramischen Produktionen auf mit Erdgas erzeugte Prozesswärme angewiesen«. Ein Ausfall der Gasversorgung würde daher zu immensen Produktionsausfällen führen. Um Schäden an den Anlagen zu vermeiden, könnten insbesondere die Brennöfen nicht kurzfristig abgeschaltet werden. »Wir sind daher mit den zuständigen Netzbetreibern und Versorgern im Austausch, um im Krisenfall ein kontrolliertes Herunterfahren der Öfen zu gewährleisten«, berichtet CFO Dr. Markus Warncke. Für den Fall, dass der Gasbezug nur gedrosselt werde, erarbeite das Unternehmen angepasste Produktionspläne innerhalb seines globalen Produktionsnetzwerkes.

Villeroy & Boch werde zurzeit fast täglich mit außerordentlichen Kostensteigerungen in den Bereichen Rohstoffe und Energie, aber auch Verpackung und Frachten konfrontiert. Zwar versuche das Unternehmen, diese Erhöhungen mit vielfältigen Maßnahmen zu dämpfen. »Aber wir kommen um Preissteigerungen gegenüber unseren Kunden nicht herum«, so Warncke.

Auswirkungen auf die Chemische Industrie

Auch in der Chemieindustrie müssten ohne Gas viele Anlagen heruntergefahren werden, ganze Standorte stünden still. Da die Chemieindustrie für fast alle industriellen Produkte des alltäglichen Lebens der Vorprodukte liefert, wären auch wichtige Versorgungsstränge, zum Beispiel für Medikamente, Landwirtschaft und Ernährung betroffen.

Gas wird in der Chemie aber nicht nur als Energieträger genutzt, sondern viel umfassender. Das gilt vor allem für die Grundstoffchemie, deren Produkte als Vorprodukte in anderen Chemiebranchen weiterverarbeitet werden. Letztendlich gehen in den meisten industriellen Wertschöpfungsketten chemische Produkte als Vorprodukte ein. Ohne diese Vorprodukte ist die Fertigung ganzer Industriezweige in Gefahr. Knapp 600.000 Beschäftigte arbeiten unmittelbar in der Chemiebranche, von ihr abhängig sind aber mehre Millionen Arbeitsplätze.

»Da BASF in nahezu alle Wertschöpfungsketten der weiterverarbeitenden Industrie liefert, sind Lieferengpässe oder Stillstände programmiert«, bestätigt Sinischa Horvat, Betriebsratsvorsitzender der BASF SE. Es sei nicht auszuschließen, dass kurz- bis mittelfristig »die Konsumenten viele Produkte des täglichen Bedarfs nur noch zu höheren Preisen oder gar nicht mehr bekommen können«. Der Chemieriese habe Notfallpläne für verschiedene Szenarien erarbeitet, will auch die Energieversorgung langfristig auf Alternativen wie Wind- und Sonnenenergie umstellen. »In der Übergangszeit benötigen wir jedoch zwingend Gas“, betont Horvat, etwa zur Beheizung der Öfen des Steamcrackers, »praktisch das Herz unseres Chemieverbunds, und für die chemische Synthese«. BASF könne bei einem Gasembargo die Kapazität am Standort Ludwigshafen auf rund 50 Prozent herunterfahren. »Sollte noch weniger Gas zur Verfügung stehen und der Gasdruck unter kritische Marken sinken, müssten wir den Betrieb am Standort schlimmstenfalls komplett einstellen«, berichtet er. Sollte es zu einer Drosselung der Produktion kommen, »ist zumindest Kurzarbeit sehr wahrscheinlich«.

Der Chemieriese Evonik hat für alle Standorte Notfallpläne erstellt, um sich auf verschiedene Szenarien vorzubereiten und erwägt sogar notgedrungen eine Rückkehr zur Kohle. Am größten Standort in Marl arbeiten rund 10.000 Menschen. Sie produzieren Spezialchemikalien, die für Medikamente, Dämmstoffe, Latexmatratzen oder Shampoos benötigt werden. Der Konzern erwägt, das firmeneigene Steinkohlekraftwerk am Standort weiterlaufen zu lassen. Es sollte eigentlich in Kürze abgeschaltet werden. Außerdem prüfe man standortspezifisch, welche Anlagen bei welcher Gasverfügbarkeit noch betrieben würden. Wo es möglich und sinnvoll sei, bereite man sich darauf vor, Erdgas in Prozessen zu ersetzen.

»Wir nutzen derzeit 95 Prozent des Gases, welches wir beziehen, für die Energieerzeugung. Nur fünf Prozent des Erdgases gehen direkt in einzelne Betriebe und sind elementar für Teile der Produktion«, sagt Sascha Held, Vorsitzender des Gemeinschaftsbetriebsrats bei Merck in Darmstadt. Der Chemie- und Pharmakonzern bereite sich darauf vor, die restlichen 95 Prozent bei Bedarf zu ersetzen, indem man Strom von außen zukaufe beziehungsweise Dampf nicht mehr über Gas, sondern Öl erzeuge.

Held verweist darauf: »Merck ist aber nur ein Teil der Produktionskette. Wenn unsere Zulieferer nicht mehr liefern könnten, weil ihnen die Ressourcen fehlen, hilft uns unsere Absicherung mittelfristig wenig. Wenn etwa keine Glasbehälter oder chemische Grundstoffe mehr verfügbar wären, hätte dies massive Auswirkungen auf uns.« Die Palette des Konzerns ist riesig, sie reicht von Medikamenten über Chemikalien für Halbleiter bis hin zu Lipiden für Biontech – einer Grundzutat des Coronaimpfstoffs.

Generell sehe Merck die Diskussion, das bestimmte Produktgruppen Priorität gegenüber anderen Gruppen erhalten sollen, als schwierig an. »Kurzfristig kann man so vorgehen, aber bereits nach wenigen Wochen würden die Ausfälle dieser ›nicht so wichtigen‹ Produkte die Lieferketten dermaßen schädigen, dass auch die ›wichtigen‹ Produkte nicht mehr gefertigt werden könnten«, erläutert Held. Besser wäre eine gleichmäßige Reduktion des Gasbezugs über alle Verbrauchergruppen. Wenn dies zeitnah von der Bundesregierung als Notfallplan festgelegt würde, gäbe es auch endlich Planungssicherheit für die Unternehmen.

Katja Pflüger

Stopp hätte
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Konsequenzen

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