VOR ORT

BAYERN

VOR ORT: Bayern

Agfa-Schließungspläne

Peißenberg/Peiting | Einigungsstelle eingerichtet

Foto: Stefan Plenk

Digital durch die Corona-Zeit I:
Betriebsversammlungen bei Basell Polyolefine

Münchsmünster | Betriebsversammlungen sind mehr als eine Pflichtveranstaltung. Sie sind ein zentrales Element in der Kommunikation zwischen Betriebsrat und Mitarbeiterschaft. Mehr noch. Das Betriebsverfassungsgesetz ist eindeutig: »Der Betriebsrat hat einmal in jedem Kalendervierteljahr eine Betriebsversammlung einzuberufen und in ihr einen Tätigkeitsbericht zu erstatten.« Soweit die Theorie. Aber wie funktioniert das in Zeiten von Corona? Bei Basell Polyolefine in Münchsmünster hat der Betriebsrat um Christian Hauber bewiesen, dass Betriebsversammlungen auch digital gelingen können. »Wir haben mit diesem Format sehr gute Erfahrungen gemacht«, betont der Betriebsratsvorsitzende des bayerischen Chemiewerks in der Nähe von Ingolstadt. Pandemiebedingt aus der Not geboren, wurde aus der Betriebsversammlung via Videokonferenz-Tool ein Erfolgs-modell: »Bereits bei unserem ersten Zusammenkommen im Dezember 2020 war die Resonanz sehr positiv. Die Zahl derer, die sich eingewählt haben, war größer als bei Betriebs-versammlungen in Präsenz in jüngster Vergangenheit.«

Für Christian Hauber liegt der Mehrwert auf der Hand: »Wir konnten auf diese Weise auch Kolleg*innen erreichen, die schichtfrei hatten und normalerweise nicht extra in den Betrieb gekommen wären, um an einer Betriebsversammlung teilzunehmen. Das ist positiv, weil wir als Betriebsrat mit unseren Botschaften auch andere Beschäftigtengruppen erreichen konnten.« Denn die digitalen Betriebsversammlungen wurden nicht nur in die heimischen vier Wände der Beschäftigten gestreamt, sondern in alle Bereiche des Betriebs. So konnten auch die Kolle­g*innen aus der Produktion daran teilnehmen, die keinen eigenen Dienstrechner haben.Dem Einzug des Virtuellen in die Betriebsratsarbeit steht Christian Hauber deshalb auch über die Ausnahmesituation »Corona« hinaus offen gegenüber. »Auch wir sollten uns digitale Technik mehr zunutze machen, wo dies die Bedingungen für Interessenvertretung verbessert«, so Christian Hauber. Freilich sei eine Betriebsversammlung rein virtuell kein Format der Zukunft und insbesondere bei strittigen Themen gebe es keine Alternative zum persönlichen Austausch. Aber es gelte, das Beste aus beiden Welten, der realen und der digitalen, zusammenzuführen. Sein Plädoyer: »Stehen wir als Gewerkschaft allen Zugangswegen, die sich auftun, offen gegenüber, um die Menschen in den Betrieben zu erreichen.«

Die IG BCE unterstützt Euch

Digital durch die Corona-Zeit II:
Vertrauensleute bei Gerresheimer

Nordostbayern | Social distancing und Kontaktbeschränkungen machen es notwendig, andere Wege zu finden, die Vertrauensleute-Arbeit nicht einschlafen zu lassen. Die Vertrauensleute bei Gerresheimer treffen sich regelmäßig zu Videokonferenzen. Ob Informationsaustausch oder aktive Tarifarbeit: »Auch in der Corona-Zeit geht die Gewerkschaftsarbeit weiter und wir werden hier
unserem Ruf als Zukunftsgewerkschaft gerecht«, so IG-BCE- Sekretär Benjamin Hannes. »Die Beteiligung ist sehr gut, und die Mitglieder bleiben somit stets auf dem Laufenden.«

Armin Kiener (Foto), freigestellter Betriebsrat bei Gerresheimer, verteilt mit den anderen Vertrauensleuten die Einladung zum Tarif-Update online und offline im Betrieb an die Mitglieder.

Foto: Armin Kiener

»Wir müssen streikfähig und im Kontakt bleiben«

Bayern | Franz-Peter Sichler: Resümee von 41 Jahren als hauptamtlicher Gewerkschafter

Franz-Peter Sichler (Foto)

Foto: Privat

Franz-Peter Sichler ist zum 1. Mai in den Ruhestand gegangen. Der 65-Jährige blickt zurück auf 41 Jahre hauptamtliche Tätigkeit für die IG BCE Bayern. Ein Resümee seiner Zeit als Gewerkschaftssekretär und Bezirksleiter im Bezirk Kelheim, später als Gewerkschaftssekretär im Landesbezirk und ein Blick in die Zukunft »seiner« Gewerkschaft.

Lieber Franz-Peter Sichler, was sind die prägendsten Erlebnisse, die dir in mehr als 40 Jahren als Hauptamtlicher der IG BCE Bayern in Erinnerung geblieben sind?

Ich erinnere mich gerne an die aktive Bildungs- und lebendige Jugendarbeit in Kelheim. Aus dieser Zeit gibt es Freundschaften, die bis heute andauern. Als Geschäftsführer und später dann Bezirksleiter blicke ich vor allem auf unsere gemeinsamen Erfolge zurück, wenn es darum ging, Industriestandorte und Betriebe zu erhalten. Beim Landesbezirk hatte ich die erfüllende Aufgabe, neue Betriebe für uns zu gewinnen, Betriebsratswahlen einzuleiten und die Betriebe mit einem Organisationsgrad von 80 Prozent und mehr in die Lage zu versetzen, einen Haus- oder Flächentarifvertrag durchzusetzen.

Ich darf sagen, dass das mit einer Ausnahme immer funktioniert hat. Stolz bin ich auf viele Haustarife mit Vorteilen für Mitglieder, wie Weihnachts- und Urlaubsgeld, monatliche Gutscheine in Höhe des Gewerkschaftsbeitrags oder ein besonderer Kündigungsschutz für IG-BCE-Mitglieder. Und diese Tätigkeit hat mir viel Freude
bereitet: Ich habe fast ausschließlich vor Ort in den Betrieben eng mit den künftigen Mitgliedern gearbeitet. Der Kontakt zur Basis hält jung. Ich hatte so viel Spaß, dass ich eigentlich gar nicht habe aufhören wollen (lacht).

Du bleibst der IG BCE Bayern tatsächlich erhalten und machst weiter im Bezirk Augsburg. Warum willst du dich trotz Ruhestand weiter für deine Gewerkschaft einsetzen?

Ich glaube einfach, dass ich noch etwas von meiner Erfahrung, sei es mit Blick aufTarifverträge oder Betriebsverfassungsrecht, die ich über all die Jahre gesammelt habe, weitergeben kann. Solange das gewünscht ist, stehe ich gerne bereit und werde mich im Bezirk Augsburg um die Betriebe kümmern, die noch keinen Betriebsrat haben, werde versuchen, Betriebsratswahlen durchzusetzen, um schließlich tariffähig zu werden, indem wir viele Mitglieder gewinnen. Aber das ist natürlich zeitlich begrenzt und soll nicht die nächsten 15 Jahre andauern (lacht).

Wo siehst du die größten Herausforderungen für die IG BCE Bayern in den kommenden Jahren?

Die Digitalisierung stellt uns als Gesellschaft und damit auch die Gewerkschaften vor neue Fragen. Die Gewerkschaftsarbeit wird sich dadurch ein Stück weit verändern. Wir müssen in dieser Phase sicherstellen, dass die Verbindung zu unseren Mitgliedern nicht abreißt. Dazu braucht es einen guten Mix aus professionellem Umgang mit dem digitalen und dem persönlichen Kontakt vor Ort in den Betrieben. Außerdem müssen wir streikfähig bleiben. Es zeigt sich immer wieder, dass viele Betriebe erst dann mit uns verhandeln, wenn sie wissen, dass wir aufgrund unserer Stärke auch Tarifverträge durchsetzen können. Kurzum: Wir müssen uns weiterhin mit aller Kraft darum bemühen, den Menschen in den Betrieben eine Stimme zu geben.

Was wünschst du deiner Gewerkschaft für die Zukunft?

Ich hoffe sehr, dass es gelingt, die Reihen dicht zu halten und das politische Bewusstsein der Arbeitnehmer*innen weiterhin zu schärfen. Denn als Gewerkschaft sind wir keine bloße Tarifmaschine, sondern auch ein politischer Verband, der demokratische Werte von einer Generation zur nächsten weiterträgt. Was hilft es, wenn wir gute Tarifverträge durchsetzen, aber die Demokratie in unserem Land immer mehr verkommt? Man sieht auf der ganzen Welt, dass es keine erfolgreichen Gewerkschaften ohne Demokratie und Freiheit geben kann.

Zum Schluss habe ich noch einen persönlichen Wunsch: Ich möchte mich bei allen, mit denen ich in all den Jahren zu tun hatte, für die gute und engagierte Zusammenarbeit bedanken und sage leise Servus!

Interview: Michael Kniess